Gefangen im eigenen Körper

von Thomas Beigang

Uckermark. Ob Bodo Heinze (*) sich an die alten Zeiten erinnert, weiß niemand. Damals, als er jung war und so stark, dass er sich tief in die Erde wühlen konnte. Heinze, der Mann aus der Uckermark, war Kumpel in einem Braunkohletagebau in der Lausitz. Da erleben Männer Sachen, an die man noch Jahrzehnte später denken mag. Aber ob Bodo Heinze noch Filme in seinem Kopfkino ansehen kann, scheint eher unwahrscheinlich. Der arbeitslose Mann, erst 59 Jahre jung, ist ein schwerer Pflegefall und dämmert in einer Wohngemeinschaft durch die Zeit. Im August wurde er Opfer eines schweren Schlaganfalls. Und als ob das nicht schon Schicksal genug ist – Heinze lag zwei Tage und zwei Nächte hilflos in seiner Wohnung, unfähig zu Bewegungen und Hilferufen. Es war ein Zufall, dass der Mann doch noch lebend gefunden werden konnte. Seine Ex, die noch etwas von ihm wollte und ihn telefonisch nicht erreichte, setzte sich mit der Halbschwester in Verbindung. Die hatte einen Schlüssel für die Wohnung und beide Frauen fanden ihn dann in seiner Notlage.

Dabei ist bei einem Schlaganfall schnelle Hilfe wichtig. Der Slogan von jeder Sekunde, die zählt, ist nicht übertrieben: Wird das Blutgerinnsel im Gehirn schnell aufgelöst, vermag diese Behandlung in den ersten Stunden nach einem Schlaganfall das Risiko für bleibende Schäden deutlich zu minimieren. Je weniger Zeit verstreicht, desto größer die Chance für einen Therapieerfolg. Bodo Heinze atmet, in der Klinik hat man ihm das Leben retten können. Aber er kann nicht sprechen und sich nicht bewegen, wird über eine Sonde ernährt und alle paar Stunden müssen ihn die Schwestern drehen, damit der 59-Jährige sich nicht wund liegt. Der Fernseher in seinem Zimmer läuft den ganzen Tag. Bodo Heinze guckt hin, aber ob er etwas registriert, weiß niemand. Seine Betreuerin hat seine Wohnung nach dem Schlaganfall auflösen lassen. Das kostet. Dazu kommt, dass Heinzes alte Möbel nicht in sein kleines WG-Zimmer passen. Die Begutachtung durch den Medizinischen Dienst steht immer noch aus und weil so kein amtlicher Pflegegrad vergeben ist, konnte das Sozialamt noch nicht über die sogenannte Grundsicherung entscheiden.

Heinze kann das egal sein, aber die, die sich um ihn kümmern, sind auf das Geld angewiesen. Dringend nötig sind in seinem Zimmerchen zwei kleine Schränkchen, denn Heinzes Sachen lagern noch immer in einigen Koffern. Aber wer soll die bezahlen? Frauen, die einspringen könnten, waren schon eine ganze Weile nicht mehr an seiner Seite und im vergangenen Jahr sind fast gleichzeitig seine Mutter und sein Bruder gestorben. Die Halbschwester, die sogar in der Nähe wohnt, ist zu finanzieller Hilfe nicht in der Lage, heißt es. Die Betreuerin des Schwerkranken, die regelmäßig vorbei schaut und sich in seinem Sinn mit den Behörden herumschlägt, nimmt seine rechte Hand und drückt sie kräftig zum Abschied. Und als sie den Patienten bittet, ihr in die Augen zu schauen, macht der das tatsächlich.

 *Name geändert