Wenn die Rente einfach nicht reicht

von Rita Hidde

Neustrelitz. In der Küche der Familie wird das Mittagessen vorbereitet. Es gibt Bouletten, dazu Blumenkohl und Kartoffeln. „Den Blumenkohl haben wir diese Woche bei der Tafel bekommen“, sagt Hannelore O. (*). Zusammen mit den Bouletten sei das ein wirklich tolles Essen, weiß die frühere Köchin. Sie ist froh über das Angebot aus der Tafel. Jede Woche nutzt es die Familie. Ohne das wüsste sie gar nicht, wie sie über die Runden kommen sollten, so die 54-Jährige.

Das Einkommen der Familie, zu der neben Hannelore O. ihr Lebensgefährte Rainer und ihr gemeinsamer 16-jährige Sohn Lucas gehören, besteht ausschließlich aus der Erwerbsunfähigkeitsrente von Hannelore O. sowie dem Kindergeld. Schon lange leidet sie unter anderem an Artrose und einer Wundrose in den Beinen, aufgrund ihres Gesundheitszustandes wurde ihr ein Behinderungsgrad von 70 Prozent zuerkannt. Nach langer Krankschreibung lebte sie viele Jahre von Arbeitslosengeld II, bevor ihrem Antrag auf Erwerbsunfähigkeitsrente stattgegeben wurde. Zwei Jahre ist das nun her. Hannelore O. war zunächst erleichtert über diese Entscheidung. „Ich habe gedacht, jetzt wird alles leichter und wir kommen besser zurecht“, sagt Hannelore O. Doch von da an fiel das Arbeitslosengeld II für ihren Partner weg. Die knapp 1000 Euro, die sie als Rente bekommt, müssen nun für die Familie reichen.

Erst vor fünf Jahren zog Hannelore O. zu ihrem Lebensgefährten. Viele Jahre hatten beide eine Fernbeziehung geführt. „Meine Töchter wohnten noch bei mir. Sie wollten nicht wegziehen. Außerdem habe ich meine kranke Mutter gepflegt“, erzählt sie. 2009 starb ihre Mutter. Nach und nach zogen die Kinder aus, sodass die Wohnung für Hannelore O. und ihren Sohn allein zu groß wurde und sie ohnehin hätten umziehen müssen. Sie entschloss sich, zu ihrem Partner zu ziehen.

Jedes Jahr aufs Neue Angst vor dem TÜV

Der gelernte Schlosser war nach mehreren Bandscheibenvorfällen und Problemen mit dem Herzen ebenfalls lange arbeitslos, lebte von Hartz IV. Sein Rentenantrag wurde abgelehnt. Laut Gutachten kann er noch fünf Stunden täglich arbeiten. Doch der 60-Jährige fand bislang keinen neuen Job.

Weil die Rente von Hannelore O. den gemeinsamen Bedarfssatz leicht übersteigt, bekommt er nun auch kein Hartz IV mehr, sodass die Familie jetzt allein von der Rente der 54-jährigen Frau lebt. Nur Mehrausgaben für das Haus werden als ergänzende Leistungen nach dem SGB II vom Jobcenter übernommen. Wenn vom Einkommen der Familie alle festen Ausgaben beglichen sind, bleiben noch etwa 400 Euro zum Leben. Damit könne man auskommen, meint Hannelore O. Am Monatsende sei jedoch nichts übrig. Extra-Ausgaben würden dann noch alles durcheinanderbringen, wie zum Beispiel erst kürzlich eine Autoreparatur. Auf den fahrbaren Untersatz ist die Familie, die in einem kleinen Dorf wohnt, angewiesen. „Jedes Mal bangen wir, dass das Auto noch durch den TÜV kommt“, sagt sie. Auch der Herd müsste dringend ersetzt werden.

Die Ölheizung bleibt aus, weil Holz billiger ist

Nach mehr als 20 Jahren Gebrauch ist das Kochfeld mehrfach gerissen. Für einen Neuen reicht aber das Budget nicht. Erst mal müsse jetzt die Rechnung für den Schornsteinfeger beglichen werden, erklärt Hannelore O. Sie ist sehr froh, dass sie das in kleinen Raten von 15 Euro im Monat tun kann.

Die couragierte Frau führt sehr genau Buch über alle Ausgaben. Oft sitzt sie, rechnet nach und überlegt, wo noch zu sparen ist. Das ist noch unwahrscheinlicher geworden, seit Sohn Lucas seine Lehre begonnen hat. Beim praktischen Teil war das alles noch überschaubar. Lucas fuhr jeden Tag mit dem Fahrrad in den fünf Kilometer entfernten Ausbildungsort. Schwieriger wurde das jedoch in der Zeit der theoretischen Ausbildung. Die findet in einem 40 Kilometer entfernten Ort statt. Nicht nur die Fahrt dorthin muss bezahlt werden, sondern auch die Unterbringungskosten. Anfangs hatte der Ausbildungsbetrieb mal einen Teil der Kosten übernommen, das aber ist nun vorbei. Für Hannelore O. ein Punkt, der ihr schon viele schlaflose Nächte bereitet hat. „Einige meiner Mitschüler haben schon aufgegeben, weil sie das nicht bezahlen können“, sagt Lucas. Er hofft, dass seine Mutter immer noch Möglichkeiten findet, das Geld aufzubringen, denn er möchte seine Lehre unbedingt fortsetzen. Inzwischen spart die Familie auch konsequent beim Heizen. So bleibt die Ölheizung fast immer kalt. Im Wohnzimmer sorgt ein alter Kaminofen für Wärme. Holz sei immer noch günstiger als Öl, weiß Hannelore O. Für den ersehnten neuen Herd reicht es dennoch nicht.

Sorge um negative Folge der Rentenerhöhung

Derweil denkt sie sorgenvoll an die nächste Rentenerhöhung. Sie fürchtet, sie könnte dann mit einigen wenigen Euro über der Grenze liegen, bis zu der die Familie das für sie so wichtige Angebot der Tafel nutzen kann. Dann wisse sie wirklich nicht mehr, wie sie alles hinbekommen soll, sagt die 54-Jährige sorgenvoll.

 

* Namen geändert