Und plötzlich auf die Tafel angewiesen

von Rita Hidde

Neubrandenburg. Über den Weihnachtsbraten machen sich Silke und Michael E. (*) keine Gedanken. „Wir haben ein paar Enten aufgezogen“, erklärt der 40-jährige Mann. Auch Hühner und einige Schafe füttert die Familie auf ihrem kleinen Hof. Zu Weihnachten gebe es aber auf jeden Fall eine Ente.

So gut können Silke und Michael E. ihre Mahlzeiten nicht immer planen. Den Speisezettel bestimmt meist das Angebot in der „Tafel“. Jede Woche einmal gehe der dorthin, um Lebensmittel zu holen, sagt Michael E. „Der Weg zur Tafel ist mir anfangs sehr schwer zu fallen“, erinnert er sich. „Ich hatte gute Arbeit. Uns ging es gut. Wir brauchten das nicht.“ Das änderte sich, als Michael E. krank wurde. Alles habe mit einem Bandscheibenvorfall begonnen, erzählt er. Wobei der eigentlich noch nicht so dramatisch ausging. Nach der Krankschreibung kehrte Michael E. wieder zu seiner Arbeit als Tierpfleger in einem Pferdehof zurück. Dann jedoch der zweite Bandscheibenvorfall. Fast ein ganzes Jahr war er krank geschrieben, letztlich er wurde gekündigt. „Ich habe mich wieder aufgerappelt“, sagt er. Voll arbeitsfähig allerdings wurde er nicht mehr. Auf ärztliches Geheiß durfte er fortan nur noch maximal vier Stunden täglich arbeiten, keine schweren und auch keine sitzenden Tätigkeiten ausführen. „Bei der Arbeitsagentur hieß es, ich sei nicht vermittelbar“, sagt er. Das war für den Mann, der immer zupacken konnte und zupacken will, ein herber Schlag. Sein früherer Chef wusste, was er an ihm hatte. Er stellte ihn auch mit verkürzter Arbeitszeit ein.

Keine Kraft, das Haus zu renovieren

Die Freude darüber wehrte jedoch nur kurz. Schon bald musste die Firma Insolvenz anmelden. Wieder Unsicherheit für Michael E. Und auch diesmal fand sich eine Lösung. Ein anderes Landwirtschaftsunternehmen suchte einen Tierpfleger. Michael E. stieg dort ein, arbeitet gern im neuen Job. Die verkürzte Arbeitszeit jedoch hatte auch zur Folge, dass der Lohn seit seiner Erkrankung deutlich reduziert ist. Ehefrau Silke, die zeitweise als Köchin gearbeitet hatte, fand nach der Geburt der beiden Kinder keinen neuen Job, war nur ab und an in Maßnahmen vom Arbeitsamt tätig.

Vor drei Jahren dann bekam die heute 35-Jährige heftige gesundheitliche Probleme an Darm und Niere. Das alles habe sie psychisch so belastet, dass sie nach der notwendigen Operation in „ein Loch“ gefallen sei, erklärt Michael E. Seiner Ehefrau rollen bei dieser Schilderung die Tränen übers Gesicht. Sie arbeitet jetzt in einer Behindertenwerkstatt, hat nur ein Taschengeld als Lohn. Insgesamt ist das Einkommen der Eheleute so gering, dass ihnen aufstockend noch Arbeitslosengeld II gezahlt wird. Damit könne man schon zurechtkommen, meint Michael E.

Sorge bereitet dem Paar allerdings ihr Zuhause. Vor sechs Jahren zog die Familie in ein kleines Haus. „Wir hatten mit unseren Wohnungen schlechte Erfahrungen gemacht. In der einen vertrug unsere Tochter die Gasheizung nicht und auch der Tabakrauch der Nachbarn belastete sie, sie war oft krank. In der nächsten Wohnung kamen aus heiterem Himmel Mieterhöhungen“, erzählt er. So hätten sie sich nach einem Haus mit etwas Garten umgesehen. In einem Dorf wurden sie fündig. „Der Grundriss passte, das Grundstück war perfekt“, sagt Michael E. Und das Haus war zum Mietkauf zu haben. „Damals hatte ich meine Arbeit, so sind wir dorthin gezogen“, erklärt er. Da er auch handwerklich begabt ist, begann er gleich mit den Renovierungsarbeiten. Neue Elektroleitungen mussten gelegt, die Wände tapeziert werden. Kinderzimmer, Küche und Wohnzimmer sind schon hergerichtet. Bevor Michael E. an Schlafzimmer, Korridore und Bad gehen konnte, wurde er krank, sodass nun auch die finanziellen Mittel fehlen, um weiterzumachen. Viel wichtiger sei aber ein neues Bett und neue Matratzen für das Schlafzimmer, räumt Michael E. ein. Das jetzige Bett haben sie schon gebraucht gekauft, die Matratzen sind durchgelegen und bereiten oft Rückenschmerzen. Einen Neukauf aber lässt das Haushaltsbudget der Familie nicht zu.

* Namen von der Redaktion geändert