Wenn die Rente nicht für ein Geschenk reicht

von Rita Hidde

Neustrelitz. Am Ende des langen, von Türen gesäumten Ganges befindet sich das Zimmer von Klaus G. (*). Der hagere Mann sitzt auf dem Bett. Der Raum ist hell, aber klein. Das Bett, ein Sessel, ein Schreibtisch und eine Kommode mit einem Bücherregal darüber. Mehr passt nicht hinein. Nur der Rollstuhl hat noch Platz, direkt neben dem Bett. Die Kleidung ist in einem Wandschrank untergebracht. Viele Sachen seien ihm ohnehin nicht geblieben, auch die wenigen Möbelstücke habe er erst nach und nach anschaffen können, erzählt der 76-Jährige.

Klaus G. lebt in einem Seniorenheim. „Ich war einer der ersten, die hier einzogen, nachdem das Heim eröffnet wurde“, erklärt er. So habe er das letzte Zimmer auf dem langen Flur bekommen und nur einen Nachbar. Ein ruhiges Zimmer. Für Klaus G. jedoch meistens zu ruhig: „Es ist sehr einsam hier“, sagt er. Besuch bekommt der Rentner kaum. Seine einzige Tochter lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Karlsruhe und arbeitet als Altenpflegerin im Schichtsystem. Die Reise zum Vater ist für sie für einen kurzen Abstecher einfach zu weit. Nur einmal im Jahr, wenn sie Urlaub hat, kann sie sich auf den Weg machen.

„Aber sie schickt mir ab und zu mal Bücher, die sie sich gekauft und ausgelesen hat“, berichtet Klaus G. voller Stolz. Bücher seien seine Welt – schon seit er acht Jahre alt ist. Beruflich allerdings hatte er damit wenig zu tun. Landmaschinenschlosser hat er einst gelernt, später auch in anderen Jobs bearbeitet, zeitweise beispielsweise in einer Lohnbuchhaltung, über Jahre ein Trockenwerk geleitet. Als seine Ehe zerbrach, blieb er allein. Er verlor die Arbeit, aber er gab nicht auf, hatte zeitweise ABM-Jobs und kam irgendwie zurecht, sagt er.

Vor 16 Jahren dann die Diagnose Magenkrebs. Mit Chemotherapien und mehreren Operationen bis hin zur vollständigen Magenentfernung kämpften die Ärzte um sein Leben. Die Medikamente, die er danach einnehmen musste, hatten erhebliche Nebenwirkungen. „Irgendwann hatte ich dann zu viele weiße Blutkörperchen und zu wenig Blut“, erzählt der Mann in seiner ruhigen Art. Wieder hing sein Leben am seidenen Faden. Mehr als ein halbes Jahr habe er in der Klinik gelegen. Danach kam er in das Seniorenheim. „Von all dem habe ich kaum etwas mitbekommen“, sagt Klaus G., es sei ihm sehr schlecht gegangen. Der damals 66-Jährige war zum Pflegefall geworden. Allein kann er maximal drei Schritte gehen, er ist auf den Rollstuhl angewiesen. Seine Wohnung wurde aufgelöst, die meisten seiner Möbel sah er nie wieder.

Seine wichtigste Beschäftigung besteht mittlerweile darin, Kreuzworträtsel zu lösen und Bücher zu lesen. „Die Bibliothek hier im Heim habe ich schon in den ersten eineinhalb Jahren durchgelesen“, stellt Klaus G. fest. Die Bücher in seinem Zimmer sind meist von seiner Tochter. Selbst welche zu kaufen, dafür bleibt von seinem Geld selten etwas übrig. „Das reicht gerade, um mal ein Rätselheft oder ab und zu ein ganz billiges Buch zu kaufen.

Seine Rente geht für die Heimkosten drauf. Da das nicht reicht, übernimmt das Sozialamt den Rest. Klaus G. bekommt ein Taschengeld von monatlich 114 Euro. Davon muss er alle private Ausgaben bestreiten: für den Friseur, die Fußpflege, auch die Kosten zur Zuzahlungsbefreiung für die Krankenkasse. Im Laufe der Zeit hat er gelernt, sich dieses Geld gut einzuteilen.

Nur der Dezember reißt ein tiefes Loch in sein Budget, dann ist die Zuzahlungsbefreiung für die Krankenkasse fällig. Die 57 Euro fehlen dem Rentner. Nicht nur, dass er sich vor Weihnachten kaum etwas leisten kann. Er würde über die Feiertage auch gern in seinen Heimatort fahren, um dort Bekannte und eine gute Freundin zu besuchen. Etwa 60 Kilometer sind es bis dorthin. Doch die Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist mit dem Rollstuhl nicht zu schaffen. Ein Bekannter würde ihn fahren, allerdings müsste Klaus G. ihm dafür einen kleinen Betrag bezahlen. Doch selbst das Geld hat der 76-Jährige nicht.

 (*) Name geändert