Ohne Möbel in die erste Wohnung

von Rita Hidde

Neubrandenburg. Jeden Morgen im 6.30 Uhr geht Jutta W. (*) aus dem Haus, um zu arbeiten. Sie harkt den Sportplatz, hält die Umgebung der Bushaltestelle sauber und auch andere öffentliche Plätze in der Gemeinde. Mit viel Sorgfalt ist die 62-Jährige dabei. In ihrem Heimatort weiß man das zu schätzen. Eine Bezahlung allerdings erhält die leicht behinderte Frau für ihre Mühe nicht, sie macht alles das ehrenamtlich. Die Anerkennung für ihr Wirken ist jedoch sehr wichtig für Jutta W., das Gefühl, für die Gemeinschaft Nützliches zu leisten, erklärt ihre Betreuerin. „Im Gegenzug wird Jutta in das Gemeinschaftsleben des Ortes integriert, zum Beispiel auch zu Festlichkeiten eingeladen“, verdeutlicht sie.

Das ist für Jutta W. seit wenigen Monaten noch bedeutsamer geworden. Bis dahin lebte sie bei ihren Eltern. Als diese dann in eine Demenzwohngruppe ziehen mussten, stand Jutta W. allein da. In ihrem Heimatort bot sich ihr die Möglichkeit, in eine kleine Wohnung zu ziehen, ihre erste eigene Wohnung. Das Problem: Sie besaß keine Möbel, die sie nutzen konnte. Auch die der Eltern waren kaputt und hätten einen Umzug nicht überstanden. Deshalb war es eigentlich ein Glücksumstand, dass Jutta W. komplett alle Möbel in der neuen Wohnung vom Vormieter übernehmen konnte. Für die gesamte Einrichtung der zwei Zimmer, Küche und Bad möchten der vorherigen Eigentümer jedoch 1500 Euro haben. Die aber kann Jutta W. nicht aufbringen. Sie lebt von einer kleinen Erwerbsunfähigkeitsrente mit aufstockender Sozialhilfe. Ersparnisse hat sie nicht. Deshalb will sie die Summe für die übernommenen Möbel nun in kleinen Raten abzahlen.

Bei der Einteilung des monatlichen Budgets bekommt sie zwar Hilfe von ihrer Betreuerin. „Mit dem Geld, das ihr zur Verfügung steht, kann sie im Alltag zurechtkommen“, schätzt die Betreuerin ein. Aber die Raten für die Wohnungseinrichtung seien von ihr schwer aufzubringen, so werde die Abzahlung noch Jahre dauern.

Der Traum von einem ersten eigenen Bett

In einem weiter entfernten Ort lebt die 50-jährige Inge K.(*) Auch sie hat vor wenigen Wochen ihre erste eigene Wohnung bezogen. Bis vor zwei Jahren war sie zusammen mit ihren Eltern in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung zu Hause. Das kleine Kinderzimmer war ihr Reich. Irgendwann wollte sie ihr eigenes Leben führen. Sie fühlte sich bei den Eltern, die sich fürsorglich um die Tochter kümmerten, eingeengt. So zog sie zunächst in ein Wohnheim für behinderte Menschen. Bis sie sich dafür reif fühlte, allein in einer eigenen Wohnung mit ambulanter Betreuung zurechtzukommen

Voller Stolz zeigt Inge K. die Räume ihres neuen Zuhauses. Eine kleine Küche, ein Wohnzimmer und das schmale Schlafzimmer. Überall ist es blitzsauber. Die Möbel in der Küche stammen aus der Möbelbörse, erzählt die Betreuerin der leicht geistig behinderten Frau. Aber alles sieht sehr gepflegt und ordentlich aus. Dafür sorgt Inge K. Couch und Schrankwand in der guten Stube konnte sie von den Eltern mitnehmen. Die Couch ist nun zugleich ihr Bett. Denn im Schlafzimmer stehen lediglich ein Schrank und eine kleine Kommode. Ein richtiges Bett – das ist der sehnlichste Wunsch von Inge K. Ihre Suche danach in der Möbelbörse blieb leider erfolglos. Für ein neues Bett reicht ihre kleine Rente nicht. Auf Rücklagen kann sie nicht zurückgreifen. Im Wohnheim bekam sie lediglich 124 Euro Taschengeld im Monat. An Sparen war davon nicht zu denken.

 (*) Namen geändert