Der Krebs frisst die Rücklagen auf

von Rita Hidde

Neubrandenburg. Blitzsauber ist es in der Stube von Marita und Jürgen M*. Ihr Mann habe alles gut im Griff, sagt Marita M. Der 65-Jährige hat die Hausarbeiten übernommen, saugt Staub, sogar die Fenster habe er gerade geputzt, sagt Marita M. Auch das Kochen ist jetzt Sache ihres Mannes. Marita M. selbst fehlt für all das die Kraft. Sie ist an Krebs erkrankt. Im März wurde der Tumor in der Lunge entdeckt. Da hatten sich schon Metastasen in der Brust gebildet.

Lange habe sie sich mit Rückenschmerzen gequält, sagt Marita M. Doch ihre Probleme wurden auf das Asthma geschoben. Eine MRT-Untersuchung zeigte die wahre Ursache. Inzwischen hat die 60-Jährige mehrere Bestrahlungen hinter sich. Die waren für sie sehr belastend und schwächend. Einmal sei sie danach zusammengebrochen und musste in der Klinik bleiben. Das Sprechen fällt ihr schwer, ab und an muss sie pausieren, um besser Luft zu bekommen. Ihr Mann streicht ihr sanft über den Rücken. Marita M. zuckt zusammen, selbst die vorsichtige Berührung schmerzt sie. „Ich kann alles hier im Haushalt machen, alles besorgen, meine Frau braucht es nur zu sagen“, sagt Jürgen M. – „aber die Schmerzen, die kann ich ihr leider nicht abnehmen.“

Seit 42 Jahren sind die beiden verheiratet und haben manches Problem zusammen gemeistert. Waren stark für ihre vier Kinder. Jetzt brauchen sie deren Hilfe, und das nicht nur beim Ausfüllen diverser Formulare und Anträge. Auch in finanzieller Hinsicht greifen die Kinder den Eltern unter die Arme – so gut es geht. Das Ehepaar lebt von der Rente von Jürgen M. Seine Frau hat keinen Anspruch auf Erwerbsunfähigkeitsrente. Ihr fehlen entscheidende Versicherungszeiten.


Rechnung für Zahnersatz von Marita M. ist noch offen

Jürgen M. ist nach fast 50 Arbeitsjahren in Rente gegangen. 27 Jahre lang arbeitete er in der Forst, 22 Jahre in einem Landwirtschaftsunternehmen. Seine Frau hatte über Jahre im Stall gearbeitet und sich um die vier Kinder gekümmert. Mit der Wende wurde sie arbeitslos, bekam noch ab und an eine ABM-Stelle, saisonweise arbeitete sie auch in der Landwirtschaft und als Putzfrau.

Dennoch reicht es nicht für Ansprüche auf eine EU-Rente. Die Altersbezüge von Jürgen M. wiederum sind mit nur wenigen Euro zu hoch, um Wohngeld, Grundsicherung oder andere Sozialleistungen zu bekommen. Lediglich für die Pflege der Ehefrau wurde seine Rente gering aufgestockt.

Dennoch verschlingt allein die Miete gut ein Drittel vom Einkommen. Dazu kommen feste monatliche Kosten. Wenn Extra-Ausgaben fällig sind, zum Beispiel die Eigenleistung zur Zuzahlungsbefreiung für Medikamente, wird es eng im Budget. Manche Arznei und Arztfahrten muss das Paar selbst bezahlen. Trotz Sparsamkeit fällt das oft schwer.

So ist auch völlig unklar, wie die Zahnarztrechnung für den Zahnersatz von Marita M. beglichen werden kann. Die Zähne sind durch die Krankheit in Mitleidenschaft gezogen worden. Zwei müssen noch gezogen werden, dann soll ein neuer Zahnersatz angepasst werden. Rücklagen hat die Familie nicht mehr.

Dabei haben die beiden immer sparsam gelebt. In ihrem Garten bauen sie Gemüse an und halten ein paar Enten, Hühner und  Kaninchen für frische Eier und manchmal einen Braten. Um zu sparen, ist das Paar von einer 3- in eine kleine 2-Raum-Wohnung umgezogen. „Hier ist die Miete günstiger“, sagt Jürgen M. Dennoch mussten die  Kinder in Notsituationen ab und an aushelfen. Doch die haben inzwischen eigene Familien und müssen auch sehen, wie sie über die Runden kommen.

 *Namen geändert