Weg durchs Dorf versperrt die Treppe

von Rita Hidde

Siedenbollentin. Mitten im Wohnzimmer von Familie Czepluch steht das Pflegebett von Familienoberhaupt Wilfried, daneben der Rollstuhl. Vor vier Jahren wurde dem früheren Traktoristen der linke Unterschenkel amputiert. Eine Folge seiner Diabetes-Erkrankung. In diesem Frühjahr mussten ihm zudem am rechten Fuß die Zehen abgenommen werden. Allein zu laufen ist für den 60-Jährigen seither nicht möglich. Seine Frau Sylvia umsorgt und pflegt ihn. Und nicht nur ihn.

Im Nebenzimmer steht ein zweites Pflegebett – für Martin, ihren Sohn. Der 26-Jährige leidet an einer unheilbaren Erbkrankheit, die nach und nach alle Körperfunktionen angreift. Martin ist seit 2010 an einen Spezialrollstuhl gefesselt. Aus eigener Kraft könne er gar nichts mehr machen, erzählt die Mutter.

Richtig zum Ausbruch kam die Krankheit bei ihm erst, als Martin 17 Jahre alt war. Die Ärzte hatten zu einer Hüft-OP geraten, weil der Junge von klein auf Probleme beim Gehen hatte. Nach dem Eingriff in der Hamburger Klinik war alles anders, Martin ist seither auf ständige Hilfe angewiesen. Sylvia Czepluch pflegt nun die beiden Männer im Haushalt. Von Beruf ist sie eigentlich Melkerin. In die Pflege habe sich aber gut reingefunden. „Das schaffe ich schon“, sagt die 48-Jährige. Doch man merkt ihr an, dass diese Last an ihren Kräften zehrt. Wenn sie ihre Geschichte erzählt, muss sie ab und an innehalten, um die Tränen wegzudrücken.

Rund um die Uhr ist Sylvia Czepluch für Sohn und Ehemann da. Besonders belastend: der Weg von der Haustür in die Wohnung. Die Familie lebt in einem alten Plattenbau, in der ersten Etage. Sieben Steinstufen sind zu überwinden, um in die Wohnung zu gelangen.

Nur mit Hilfe der Nachbarin in die Wohnung

Sylvia Czepluch zeigt ein Video auf ihrem Handy: Gemeinsam mit ihrer Nachbarin hebt sie Martin aus dem Rollstuhl, zu zweit tragen sie den 26-Jährigen mit größter Kraftanstrengung die Treppenstufen hoch und wuchten ihn in sein Bett. „Ich bin froh, dass meine Nachbarin mit anpackt“, sagt Sylvia Czep-
luch. „Aber was mache ich, wenn keiner da ist zum Helfen?“  Sie hat es auch schon mit einem Treppensteiggerät versucht. Doch das könne sie allein einfach nicht halten, erklärt die couragierte Frau.

Einen Lift im Haus gestattet der Vermieter aus brandschutztechnischen Gründen nicht. „Früher habe ich Martin hoch und runter getragen“, sagt Wilfried Czepluch. Das geht nun nicht mehr. Seit zwei Jahren komme er selbst nur raus, wenn ihn der Krankenwagen abholt. „Dort, wo mal unsere Garage mal stand, ist inzwischen ein neues Haus gebaut worden. Das habe ich noch nie gesehen“, sagt er. Aus seinen Worten klingt Traurigkeit und auch etwas Bitterkeit. Wie gern würde er einmal im Rollstuhl durchs Dorf fahren, vielleicht hier und da mit jemandem schwatzen. Immerhin ist er hier aufgewachsen. Die Lösung für die Familie wäre der Anbau eines Liftes an der Außenseite des Wohnblocks. Der Vermieter hat nichts dagegen, übernimmt aber nicht die Kosten. Und die belaufen sich auf rund
20 000 Euro. Für Familie Czepluch eine unbezahlbare Summe.

Kosten für das Projekt sind der Knackpunkt

Der Neubrandenburger Bauingenieur Günther Glanz hat sich inzwischen der Sache angenommen und ein Projekt für einen Hebelift entwickelt. Auf sein Honorar verzichtet er. Zwei Bauunternehmen aus der Region haben sich der Initiative angeschlossen, auch würden einen Teil der Kosten zu spenden. Doch allein der in Köln zu fertigende Lift kostet 13 000 Euro.

Auch damit sind Sylvia und Wilfried Czepluch überfordert. Gleich nach der Wende verloren beide die Arbeit. Er war zwar noch eine Zeit lang in einem Agrarbetrieb tätig. Nachdem auch das vorbei war, sind beide seit langem arbeitslos, hatten nur ab und an eine ABM oder einen Ein-Euro-Job. Rücklagen konnte die Familie nicht bilden.