Der Weg aus der Ehe-Hölle ist quälend

von Carina Göls

Neubrandenburg. Ihre Finger spielen mit dem Pulloversaum. Doch ihre Stimme ist alles andere als nervös. Eher wie ein Stück Befreiung scheint es für Regina Z.*, ihr Leben zu erzählen. Eines, in dem sie Jahrzehnte „durch die Hölle“ ging. Und aus der sie sich bis heute nur langsam befreien konnte.

Die 19-Jährige ist jung, unerfahren, als sie ihren ersten Freund kennenlernt. Disco. Händchen halten. Küsse. Ist das schon Liebe? Das junge Paar heiratet und irgendwann kündigt sich die erste Tochter an. Da hatte die junge Mutter schon so manche Seite ihres Mannes erlebt, die sie einschüchterte. Der Alkohol war immer wieder Auslöser, offenbarte einen Partner, den sie auch anders kannte. Streit, Schläge, Tritte. Schmach und alles andere als das Gefühl der Liebe wurden zum unberechenbaren Untermieter. „Ich hatte ja meine Kinder, denn bald kam die zweite Tochter. Ich wollte nicht, dass sie ohne Vater sind, und es gab ja auch immer wieder gute Tage“, erinnert sich Regina Z.

Doch es wurde immer schlimmer. „Erst recht, als die Kinder aus dem Haus waren.“ Immer wieder musste sie inzwischen gar um ihr Leben bangen, wenn ihr Mann ihr eine Waffe an den Kopf hielt. Immer wieder rief sie die Polizei. Dreimal floh sie ins Frauenhaus. Dreimal kehrte sie zu ihrem Mann zurück, reichte irgendwann die Scheidung ein. Doch er habe das nicht gewollt.

Geschieden ist sie noch immer nicht. Ihr Mann lebt „irgendwo“, sei selbst krank, wie er ihr schrieb. Die ersehnte Ruhe vor diesem Menschen, mit dem sie ihr Leben teilen wollte, der dieses aber zerstörte, habe sie noch immer nicht. Immer wieder habe er sie ausfindig gemacht. Ihr sogar geschrieben, um wieder Kontakt aufzunehmen. „Ich habe darauf nicht reagiert“, sagt sie stolz.

Was die 60-Jährige aber heute belastet, sind Schulden. Aus dem Hausverkauf nach der Trennung sah sie bis heute keinen Cent. Rund 400 Euro muss sie bezahlen. Nicht so wahnsinnig viel, würde mancher sagen. Für Regina Z. aber ein nahezu erdrückender Schuldenberg. Mit Hartz IV muss sie über die Runden kommen. „Aber das ist nicht leicht. Vieles will bezahlt sein. Ich habe manchmal nur 150 Euro zum Leben für den ganzen Monat“, erzählt sie. Aber sie brauche nicht viel. Hauptsache, die Schulden sind endlich weg. Mit einem Ein-Euro-Job versuche sie ihr Budget aufzubessern, um ihre finanziellen Verpflichtungen in kleinen Schritten tilgen zu können. Doch es reicht nicht.
Etwas nicht bezahlen zu können, das mache sie krank. Und sie schäme sich, dass sie kaum Geld hat.

Auch die Töchter sind traumatisiert

Als Floristin hat sie sich einst ausbilden lassen und in dem Beruf auch einige Zeit gearbeitet. Später fanden sich Jobs in einer Küche und wo immer sie gebraucht wurde. Und da, endlich ein Lächeln. In der Erinnerung an diese Zeit gelingt es ihr, die anklingende Verbitterung zu vertreiben. Dass auch ihre Töchter ihre traumatische Kindheit mit ins eigene Leben getragen haben, das schmerzt die 60-Jährige am meisten. „Wir reden nicht viel darüber, aber ich weiß es.“

Inzwischen hat Regina Z. schon einen kleinen Weg ohne Angst beim Nachhause-kommen zurückgelegt. Sie hat vor einigen Jahren Hilfe bei der Beratungsstelle Klara gesucht. Dass sie nicht allein ist mit der Scham, über ein Leben mit Gewalt zu reden, dass es einen Ausweg gibt, das hat sie dort erfahren und ihn erlebt, den langen Aufbruch aus der Hölle. Doch die Pein sitzt tief. Albträume, psychische und psychosomatische Probleme drängen immer wieder in ihren Alltag und haben sie krank gemacht. In psychiatrischer Behandlung war sie. Aber die Tabletten, nein, die will sie nicht mehr nehmen. Dabei möchte sie eigentlich nur alles vergessen und „einfach nur für ihre Kinder und Enkel da sein. Ein gutes Leben führen – ohne Schulden“. Einen Wunsch hat sie: Einmal zur Kur fahren. Einmal an sich denken dürfen und Hilfe bei der Aufarbeitung all dessen zu erfahren, was ihr in mancher stillen Stunde des Rückblicks Tränen bringt. Und was auszusprechen doch so befreiend ist.