Viel Verzicht und kaum Rente nach harter Arbeit

von Rita Hidde

Neustrelitz. Marianne K. (*) rückt mit dem Stuhl etwas näher an ihren Richard. Liebevoll legt sie eine Hand auf den Arm ihres Mannes. Die beiden 78-Jährigen wirken sehr harmonisch und innig. 57 Ehejahre verbinden die beiden und damit viele schöne Erlebnisse, aber auch sehr schwere Jahre. Die Haare sind inzwischen grau, die Gesichter von Falten gezeichnet. Manche davon sicher auch aus Gram darüber, wie das Leben ihnen mitgespielt hat. Wohl kaum jemanden kann die Geschichte des Paares ungerührt lassen.

Marianne und Richard K. arbeiteten in der Landwirtschaft, als sie sich kennenlernten, ineinander verliebten und heirateten. Mit der Geburt der beiden Kinder war ihr Glück komplett. Mit 30 Jahren entschloss er sich, sich mit einem kleinen Fuhrunternehmen selbstständig zu machen. „Das lief zu DDR-Zeiten  ganz gut“, sagt der 79-Jährige. Reich sei man davon nicht geworden, aber die Familie konnte gut leben. Ehefrau Marianne kümmerte sich um Kinder und Haushalt und half ihrem Mann nebenbei bei den Büroarbeiten.

Aus heutiger Sicht  seien manche Dinge damals schon kurios gewesen, erinnern sich die beiden Senioren. Zehn Jahre hätten die Familie und Richard K. als selbstständiger Unternehmer auf einen Telefonanschluss warten müssen. Deshalb ist Marianne K. ihrem Mann mitunter hinterher gefahren, um ihm zu sagen, er müsse noch diesen oder jenen Auftrag erfüllen, den gerade noch ein Kunde gebracht hatte. Dennoch waren sie mit ihrem Leben zufrieden. Es kamen immer neue Anforderungen an die kleine Firma, Container-, Schüttgut-Transporte und anderes. Wenn Richard K. von dieser Zeit erzählt, leuchten seine Augen. Irgendwann reichte es, um ein kleines altes Haus zu kaufen. Der Preis sei kein Vergleich zu heutigen Immobilienpreisen gewesen, sagt der Mann mit den gepflegten weißen Haaren. „Wir kamen gut zurecht“, sagte er.

Mit der Wende habe sich dann alles sehr verändert. Die Zahlungsmoral der Menschen wurde viel schlechter, berichtet Richard K..  Rechnungen wurden einfach nicht oder viel zu spät beglichen. „Ich musste Material, Benzin, Gehälter und Sozialabgaben zahlen, aber es kam nichts rein. Ich hatte immer mehr Außenstände“, schildert der 78-Jährige in seiner ruhigen Art.  Aufträge, die ihm über lange Zeit sicher waren,  brachen weg. Mittlerweile hatte Richard K. fünf Angestellte in seiner Firma. Nach und nach musste er einen nach dem anderen entlassen. „Das ist mir so schwer gefallen“, sagt er. Um dann überhaupt noch über die Runden zu kommen, belastete er das Haus der Familie. Doch auch das half nicht mehr.

Es kam zum  Äußersten. Richard K. musste Insolvenz anmelden. Die Banken gaben keinen neuen Kredit, stattdessen kam das Haus unter den Hammer – und zwar für gerade mal etwas mehr als ein Viertel der Summe, die es eigentlich wert war zu jener Zeit. „Dabei hatte ich nur kurz zuvor sogar noch meine Lebensversicherung eingesetzt,  um das Dach neu decken zu lassen“,  erzählt Richard K. kopfschüttelnd. Für das Paar bedeutete es, das Haus zu verlassen und in eine kleine 3-Zimmer-Wohnung zu ziehen. Zwölf Jahre ist das inzwischen her.  Doch auch jetzt noch kann Marianne K. die Tränen nicht zurückhalten, wenn sie darüber redet. Und auch Richard K. wird emotional.

Kein einziger Urlaub, aber so viel Sorgen

„Ich habe bei den Banken gebettelt, mir doch noch einen Kredit zu geben“, erinnert sich Richard K. 15 000 Euro hätten genügt, um das Haus zu retten. Doch die sie waren unerbittlich.

Heute leben die beiden Senioren von ihrer Rente. Die allerdings ist sehr gering. Bei Marianne K. ist es sogar so wenig, dass das Grundsicherungsamt noch einen Teil dazu zahlen muss. „Dabei waren wir immer fleißig, haben nie auf großem Fuß gelebt“, sagt Marianne K. fast entschuldigend. Nicht einmal einen Urlaub hat sich das Paar in all den Jahren geleistet.  Aber sie kämen jetzt zurecht, erklärt die schlanke Frau. Einen Teil ihrer Lebensmittel nehmen sie aus eigener Produktion. Gleich nachdem sie in die Wohnung gezogen waren, pachteten sie einen Garten. Darin bauen sie nun viel Gemüse und auch Kartoffeln an.

Wenn es jedoch um notwendige Anschaffungen geht, wie jetzt um neue Matratzen oder um einen neuen Wintermantel, ist langes Sparen angesagt. 

 * Namen geändert