Die Kraft reicht nur noch für ein paar Meter

von Rita Hidde

Neubrandenburg. Norbert A. sitzt auf seiner Couch. Vor ihm die Tabletten-Box mit der Medikamenten-Ration für den Tag, eine Kaffee-Tasse und ein paar Schriftstücke. Auf einem Nebentisch stehen einige Konserven. Ein kleiner Vorrat, wenn es am Monatsende ganz knapp wird mit der Rente, erklärt er. „Das ist eben ein Junggesellen-Haushalt“, sagt er entschuldigend. Der 66-Jährige lebt in einer kleinen Einzimmerwohnung. Das Wohnzimmer, die offene Küche, daneben eine kleine Nische, in der Norbert A. sein Bett aufgestellt hat. Seit acht Jahren wohnt er dort. Sein wichtigster Unterhalter ist jetzt der Fernseher. Die Kontakte zu Freunden und Bekannten seien abgebrochen, seit er so krank ist, sagt der Rentner. Nur mit Mühe kann er gehen. Außerhalb der Wohnung braucht er stets einen Rollator. Selbst den Weg zum Einkauf schafft er nicht allein. „Keine 20 Meter kann ich freihändig gehen“, erzählt er. Die geringste Anstrengung bereitet ihm enorme Atemnot.

Beim Reinigen der Wohnung bekommt er deshalb einmal pro Woche Hilfe von einem Pflegedienst. Wöchentlich einmal holen ihn Mitarbeiter dieses Dienstes auch ab, um ihn zu einem Einkaufscenter zu bringen, damit er seine Vorräte auffüllen kann. Das alles wird über das Sozialamt abgerechnet, erzählt Norbert A. Darüber ist er froh. Anders steht es um die Fahrten zum Arzt. Dafür bittet er einen Nachbarn um Unterstützung. Der sei sehr hilfsbereit, aber das Benzingeld müsse er ihm doch zahlen, sagt der 66-Jährige. Fünf Euro sind das in der Regel. „Und das von meiner kleinen Rente“, meint er. Gerade mal 540 Euro bekommt Norbert A., aufstockend erhält er Grundsicherung. „Mir fehlen 20 Arbeitsjahre für eine ordentliche Rente“, schätzt er ein. Bis zur Wende hatte der frühere Sägewerker immer Arbeit – im Holzbau, auch auf dem Bau. Danach fand er keinen festen Job mehr, schlug sich mit ABM-Stellen und Umschulungen durch.

Mit 60 Jahren ging er in Altersrente. Vollzeit-Arbeit wäre für ihn schon davor nicht mehr möglich gewesen. Norbert A. musste sich bereits mehreren Operationen an der Wirbelsäule unterziehen. Er leidet an Diabetes, wodurch seine Sehkraft geschädigt ist und er schon fünfmal an den Augen operiert wurde. Links ist er fast blind. Als dann vor einem Jahr auch noch ein Lungenkarzinom festgestellt wurde, wollte der lebenstüchtige Mann fast verzweifeln. „29 Bestrahlungen habe ich schon hinter mir“, erzählt er. Dadurch sei der bösartige Tumor zwar kleiner geworden, aber darum herum seien nun dunkle Flecken aufgetaucht. Für den 66-Jährigen nicht die einzige Sorge. Auch das Wäschewaschen ist mittlerweile ein Problem. Die Waschmaschine hat er von seiner Mutter übernommen, als diese vor einem Jahr starb. Da war der Automat schon gut 20 Jahre alt. Inzwischen tönen aus der Maschine eigenartige Geräusche, wenn sie eingeschaltet wird. Und eine Reparatur lohnt nicht mehr.