Der Blick in die Wohnung blieb stets ein Tabu

von Rita Hidde

Anklam. Wenn Sven W. an sein früheres Leben zurückdenkt, steigt in ihm Scham auf. Es ist ihm sichtlich unangenehm. Erst seit eineinhalb Jahren fühle er sich frei, müsse nicht mehr mit zwei Gesichtern durch die Welt gehen. Seit dieser Zeit wird er von einem Hilfeverein betreut, besucht dort die Tagesstätte. Da könne er sich austauschen. Und er weiß es sehr zu schätzen, wie ein Sozialarbeiter sich seiner Probleme annahm. Nach der Wende ging der gelernte Tischler erst einmal zur Bundeswehr. Eine feste Arbeit fand er danach nicht. Es folgten mehrere ABM-Stellen, dann endlich ein Job in der Gastronomie. Der Verdienst war nicht üppig, aber Sven W. war angesehen und gefragt bei Kunden und Arbeitgeber. Alles lief super, zumindest äußerlich. Private Probleme belasteten ihn. Er fühlte sich überfordert, bekam den Alltag nicht in den Griff. Wie es in seiner Wohnung aussah, wusste niemand. Woher auch? Kein Besucher kam über die Schwelle. Durch einen Zufall fand Sven W. einen Sozialverein, dort suchte er Hilfe. „Es war sehr schwer, Sven aufzuschließen“, erinnert sich der Sozialarbeiter. Erst nach vielen Gesprächen und langer Arbeit miteinander durfte er einen Blick in die Wohnung werfen. Wie sie aussah? „Das ist mir so peinlich“, sagt Sven W. und sieht zu seinem Betreuer. Viele Säcke mit Müll waren zu entsorgen. Der 47-Jährige ist froh, dass er das alles hinter sich gelassen hat. Die Wohnung ist jetzt sauber und renoviert – auch mit Hilfe des Sozialvereins. Neue Möbel hat Sven W. in der Möbelbörse gefunden. Bis auf einen Kühlschrank. Und die Renovierung kann auch erst weitergehen, wenn wieder Geld dafür angespart ist.