Langes Sparen für die neue Brille

von Rita Hidde

Neustrelitz. Heidrun Schulz (*) hat ihre grauen Haare zu einem einfachen Zopf nach hinten gebunden. „Ich müsste mal wieder zum Friseur gehen“, sagt die Frau in ihrer zurückhaltenden Art. Aber das sei für sie zurzeit viel zu teuer. Das letzte Mal hat sie sich den Friseurbesuch Anfang des Jahres geleistet. Heidrun Schulz kann gut mit Geld umgehen. Das muss sie auch. 1991 verlor sie ihre Arbeit in einer Elektro-Firma. Über 20 Jahre habe sie dort gearbeitet und gut verdient, sagt sie. Dann wurde die Firma geschlossen. Eine neue Arbeitsstelle zu finden, gelang der damals 37-Jährigen nicht. Zeitweise war sie in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen tätig, auch in einer Arbeitsfördergesellschaft. Hinzu kamen zu jener Zeit private Probleme. Ihre Ehe scheiterte nach zehn Jahren. Fortan sorgte sie allein für ihren Sohn. An vielen Orten arbeitete Heidrun Schulz im Laufe der Jahre, aber nie in einer Festanstellung. Letztlich nahm sie einen Minijob als Kurierfahrer an, der ihr 450 Euro im Monat einbrachte. Als dort aber Nachtschichten begannen, musste sie passen. Ihre nachlassende Sehkraft ließ eine Arbeit im Dunkeln nicht mehr zu.

Jeden Tag zur Arbeit in gemeinnützigem Verein

Inzwischen lebt die 63-Jährige von Arbeitslosengeld II. Zur Arbeit geht sie dennoch jeden Tag. Seit zwei Jahren schon ist sie in einem gemeinnützigen Verein für andere Hilfsbedürftige da, vier Stunden täglich – allerdings ohne einen einzigen Cent dafür zu bekommen. „Ich kann nicht zu Hause sitzen. Mit dieser Arbeit bin ich unter Menschen, der Tag ist ausgefüllt und ich kann anderen helfen“, erklärt sie. Die Arbeit lenkt sie auch etwas ab von den Sorgen des Alltags. Zurzeit bangt sie um ihren Ehemann, mit dem sie seit über zwölf Jahren verheiratet ist. Er ist seit langem schwer herzkrank und liegt – wie so oft – im Krankenhaus. Besuchen kann Heidrun Schulz ihn nur selten. Die Fahrt in die etwa 50 Kilometer entfernte Klinik ist für sie zu teuer. Mit den unterschiedlichsten Jobs hatte sich der frühere Bauarbeiter durchgeschlagen – immer schlecht bezahlt, bis es er so krank wurde, dass er inzwischen erwerbsunfähig ist. So gehört zum Einkommen des Paares neben dem Arbeitslosengeld II von Heidrun Schulz die kleine Rente ihres Mannes, die mit Grundsicherungszahlungen aufgestockt wird.

Keine Unterstützung vom Sozialamt

Heidrun Schulz hat sich daran gewöhnt, sparsam zu wirtschaften. Sie nutzt Angebote und für Garderobe die Kleiderkammer. Doch von dem Einkommen zu sparen, das schafft sie kaum. Gerade hat sie die knapp 50 Euro für den jährlichen Beitrag für die Freistellung von der Medikamentenzuzahlung zusammengekratzt. Die Schlafzimmereinrichtung hätten sie in der Möbelbörse erstanden, erzählt sie. Die Küche sei schon 34 Jahre alt. „Die habe ich noch zu DDR-Zeiten gekauft. Damals konnte ich mir das leisten“, sagt die Frau. Sie hoffe nur, dass Kühlschrank und Waschmaschine noch lange halten. Erst vor wenigen Tagen hat Heidrun Schulz beim Sozialamt vorgesprochen und um eine Beihilfe für neue Brillen gebeten. Ohne Erfolg. Auch ihr Sohn kann ihr nicht helfen. In seinem Job verdient er nur den Mindestlohn. Dabei wären die Brillen so nötig. „Jeden Abend tränen mir die Augen. Meine Brille ist einfach zu schwach“, sagt sie. Auch ihr Mann bräuchte dringend stärkere Augengläser. Da heiße es nun, lange zu sparen, um die Brillen bezahlen zu können.

 (*) Name geändert