Der lange Anlauf in ein neues Leben

von Jörg Spreemann

Waren. Das Leben von Lutz Schuster* hat komplett von vorn begonnen – im Alter von 65 Jahren. Hinter ihm liegt eine Kette von Schicksalsschlägen, die ihm jeden Mut raubte. Doch sein Versuch, sich das Leben zu nehmen, scheiterte vor rund einem Jahr. „Zum Glück hat es nicht geklappt“, sagt er heute.

Schusters Abstieg nahm Anfang der 90er Jahre seinen Lauf, als der Automechaniker auf dem Weg zur Arbeit mit dem Motorrad verunglückte und bei dem Unfall schwer verletzt wurde. Die Folge war ein langer Krankenhausaufenthalt. Erst nach zweieinhalb Jahren konnte er wieder auf Jobsuche gehen. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Arbeitsplätze knapp waren. So schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch.

Gleichzeitig verließ den heutigen Rentner und fünffachen Vater die Frau, die einen anderen Partner fand. Der Kontakt zu den Kindern riss ab. Schusters Verbitterung wuchs und wuchs. Zumal, wie er berichtet, er sich in seinem kleinen Heimatdorf in der Müritzregion allein gelassen fühlte. „Leute, denen ich früher einen Gefallen getan hatte, nahmen mich plötzlich nicht mal mehr zum Arzt mit. Und mehr als ein- oder zweimal frage ich nicht“, beschreibt er seine Enttäuschung. Schuster zog sich weiter zurück, bis er keinen Ausweg mehr sah.

Vermieter stellt zum Glück einen Herd zur Verfügung

Schuster wachte im Krankenhaus auf. „An meinen Beinen war nichts Heiles mehr“, berichtet er. Während der Therapie fand er in der Klinik den Kontakt zu einem Pfarrer, der in Waren die Begegnungsstätte „Lichtblick“  einschaltete, die für Menschen in sozialen Schwierigkeiten das ambulant betreute Wohnen organisiert.

Seit einem halben Jahr laufen die Vorbereitungen für Schusters Umzug aus seinem Dorf nach Waren. Weil er sämtliche persönliche Unterlagen vernichtet hatte, mussten neue Dokumente her und eine passende Wohnung gesucht werden. Das gelang mit intensiver Unterstützung seiner Betreuer. Seit wenigen Tagen wohnt Schuster in Waren. Dort sind die Wege zum Arzt kurz, auf den Straßen sind ständig Menschen unterwegs und die Begegnungsstätte bietet Kontaktmöglichkeiten.

Weil es Schuster wieder gesundheitlich besser geht, konnte er in seiner neuen Einzimmer-Wohnung selbst mit anpacken und die Wände malern. Nur seine alten Möbel konnte er nicht mitnehmen. „Die hätten den Umzug nicht überstanden“, erklärt er. Von seiner kleinen Rente hat er ein wenig Geld zurückgelegt. Davon kaufte er sich im Sozialkaufhaus Couch und Sessel. Jetzt versucht er, einen Schrank, Kühlschrank oder eine Waschmaschine günstig zu bekommen. Zum Glück stellte der Vermieter einen Herd zur Verfügung. „Ich muss mich umgewöhnen, weil ich früher mit Gas gekocht habe“, sagt er und ist sich sicher, dass der Umstieg klappt. „Ich koche für mein Leben gern“, erzählt er. Schuster hat ein Lieblingsgericht: Rouladen. Er hofft, dass die Beschwerden in den Beinen weiter nachlassen und er in der warmen Jahreszeit wieder aufs Fahrrad steigen kann. „Es geht wieder aufwärts.“  *Name geändert