Diagnose Krebs bringt auch finanzielle Sorgen

Neubrandenburg. Annemarie H. trägt eine Wollmütze, selbst gestrickt. Die nimmt sie auch im Zimmer nicht ab, obwohl es wohlig warm ist. Die 73-jährige Frau mag ihren Kopf nicht zeigen. Die Haare gehen ihr aus. An
einigen Stellen seien sie schon ganz verschwunden, sagt die Rentnerin. Eine Folge der Chemotherapie.

Vor gut einem Jahr wurde bei Annemarie H. ein bösartiger Tumor an der Nase diagnostiziert. „Für mich war es einfach ein Schock, als mein Arzt mir die Diagnose mitteilte“, erinnert sich Annemarie H. Noch immer hadert sie mit ihrem Schicksal. Wenn sie allein zu Hause sitze, frage sie sich oft, warum gerade bei ihr so ein Tumor ausgebrochen ist. Eine Operation war unumgänglich. Dabei wurde ein Auge in Mitleidenschaft gezogen, sodass auch ihre Sehkraft inzwischen beeinträchtigt ist, erzählt die Frau. In einer weiteren Operation musste ihr später noch eine Niere entfernt werden. Bestrahlungen und zwei Chemotherapien folgten.

Ihre Wollmütze würde Annemarie H. gern gegen eine Perücke tauschen. Doch die Zuzahlung, die sie dafür leisten muss, kann sie einfach nicht aufbringen. Die 73-Jährige lebt von einer kleinen Rente. Dazu kommt zwar die Witwenrente, die sie seit dem Tod ihres Ehemannes erhält. Doch auch die ist sehr gering. Dennoch bekommt sie kein Wohngeld. Ihr Antrag wurde abgelehnt, weil ihr Einkommen mit beiden Renten zusammen über der Bemessungsgrenze liegt – gerade mal mit drei Euro. So bleiben der Rentnerin nach Abzug von Miete und aller weiteren festen Kosten etwa 300 Euro im Monat. Rücklagen hat sie keine, die sind längst aufgebraucht. Auch ihre beiden Söhne können ihr nicht helfen. Beide sind arbeitslos und kommen selbst kaum über die Runden.

Tag für Tag hinter dem Einkaufstresen gestanden

Dass sie einmal in einer solchen Situation sein würde, hätte Annemarie H. nie gedacht. „Ich habe doch mein ganzes Leben lang gearbeitet“, sagt sie, als wolle sie sich entschuldigen. Aber verdient hat sie nie so richtig viel. In einem Dorf aufgewachsen, arbeitete sie zunächst in der Landwirtschaft auf dem Feld. Als sie später mit ihrem Ehemann in die Stadt zog, fand sie in einer Großküche eine Anstellung. Mit der Wende kam das Aus.

Annemarie H. musste sich neu orientieren. Gemeinsam mit ihrem Mann machte sie sich selbstständig und betrieb einen Lebensmittelkiosk. Zehn Jahre lang stand sie Tag für Tag hinter dem Einkaufstresen. 2006 dann erlitt ihr Mann einen Herzinfarkt und starb. Nur ein Jahr später gab Annemarie H. ihren kleinen Laden auf, ist seither Rentnerin.  

Bisher sei sie mit ihrer Rente immer zurechtgekommen, sagt sie. Die Perücke nun soll um die 450 Euro kosten, hat ihr ein Friseur erklärt. Die Krankenkasse würde 160 Euro übernehmen. Den
Rest müsste sie jedoch selbst zahlen. Aber dafür reicht die Rente nicht.