Helfen mit Herz

von Frank Wilhelm & Sirko Salka

Weihnachten 1992 starteten die Leser des Nordkurier eine einzigartige Spendenaktion, die bis heute anhält und bereits mehreren Tausend Menschen in der Region zugute kam. Im Interview mit Frank Wilhelm und Sirko Salka bilanziert Lutz Schumacher 25 Jahre Leserhilfswerk und blickt in die Zukunft dieses wohltätigen regionalen Vereins, dessen Vorsitzender er ist.

Seit 25 Jahren unterstützt das Leserhilfswerk Nachbarn, die in Not geraten sind. Was macht den Reiz zu spenden aus? Wir Menschen haben das Bedürfnis zu helfen. Das gibt uns ein sehr schönes Gefühl. Selbstloses Handeln, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, macht glücklich. Wenn du etwas Gutes tust, freut sich ein anderer. Und tatsächlich ist es bestärkend mitzuerleben, wenn man einem anderen wieder auf die Beine hilft.

Lutz Schumacher
Nordkurier- Chefredakteur Lutz Schumacher ist Vorsitzender des Leserhilfswerks. FOTO: CONNY KLEIN

Was macht das Leserhilfswerk für Sie so besonders?

Am Faszinierendsten finde ich, dass das Leserhilfswerk zu 90 Prozent Kleinspender tragen, von denen man weiß, dass sie selber nicht viel Geld haben. Für mich ist das eine Art erweiterte Nachbarschaftshilfe, denn die Spenden bleiben zu 100 Prozent in der Region. Natürlich gibt es überall auf der Welt Not. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, dass wir vor Ort helfen. Auch hier geraten Menschen in Nöte. Ich finde es immer erschütternd, wenn ich die Anträge lese. Und das Allerschlimmste ist, dass wir die meisten ablehnen müssen, da unsere Unterstützung zu einer Kürzung von Transferleistungen führen würde.

Inwiefern ist „Helfen mit Herz“ denn ein Stück Heimat?

Heimat sind doch vor allem die Menschen und deren Netzwerke. Man hilft sich gern untereinander. Und ich bin davon überzeugt, dass es deutlich mehr Mitmenschlichkeit gibt, als man gemeinhin glaubt.

Warum sind 25 Jahre Leserhilfswerk ein Grund zu feiern, und wer feiert da eigentlich wen?

Die Sache an sich können wir nicht feiern. Es ist ja nicht so, dass es nach 25 Jahren keine Not mehr gäbe. Feiern wollen wir diejenigen, die uns immer unterstützt haben, die auch bei knappen Ressourcen Geld aufgebracht haben und natürlich diejenigen, die das Leserhilfswerk tragen und die praktische Arbeit durchführen. Und wertschätzen sollte man jene, denen wir in den Jahren helfen konnten. Es gehört zu den Statuten des Leserhilfswerks, dass wir Hilfesuchenden helfen, die unverschuldet in Not geraten sind. Darum geht es doch.

Am 20. November veranstaltet der Nordkurier ein Benefizkonzert. Wie lautet die Philosophie dahinter?

Konzertbesuche sind bei der Bewältigung von Alltagssorgen oft nicht drin. Was ich sehr schade finde. Klar, wir Menschen können ohne Nahrung und Wasser nicht leben. Aber zum Menschsein gehören eben auch die Künste und die Kultur. Von daher ist es bitter, wenn Menschen in der Not nicht am kulturellen Leben teilhaben können. Das ist ebenfalls eine Form von Armut, die bekämpft werden muss.

Warum haben Sie keine Sekunde gezögert, wieder die Neue Philharmonie aus Berlin zu verpflichten?

Die Neue Philharmonie ist ein wunderbares, toll klingendes Orchester. Uns verbindet aber noch etwas Besonderes: Die Neue Philharmonie ist nämlich auch eine gemeinnützige Gesellschaft, die junge Musiker in der schwersten Phase ihrer Karriere fördert: Während und nach dem Studium. Die Musiker haben keine finanziellen Mittel, müssen studieren, musizieren, teure Instrumente erwerben. Ich finde es klasse, dass sich hier private Sponsoren gefunden haben, die den jungen Künstlern unter die Arme greifen. Und wenn man dann diesen Schwung, diese Emotionen und diese Professionalität des Orchesters sieht und hört, geht einem das Herz auf.

Das Leserhilfswerk hilft, wo dem Staat oder Organisationen mitunter die Hände gebunden sind. Was heißt das konkret?

Es gibt erstaunlich viele Lücken im System, wo staatliche Mittel Bedürfnisse nicht abdecken. Und andere Institutionen – die helfen könnten – sich vielleicht nicht kümmern. Die Form der sehr kleinteiligen Arbeit, die das Leserhilfswerk leistet – wirklich zu den Menschen hingehen,sich alles angucken – das macht einen Großteil unserer Arbeit aus. Wir arbeiten übrigens eng mit den Ämtern und Vereinen zusammen, werden oft im Vorfeld auf Fälle aufmerksam gemacht, bei denen die Behörden nichts tun können.

Nimmt das Leserhilfswerk den Staat nicht auch aus der Pflicht?

Wenn wir in bestimmten Fällen nicht helfen, tut es vielleicht kein anderer. Natürlich haben wir, wie bei allen wohltätigen Sachen, das Henne- Ei-Problem. Ich sage mal so: Wir als Nordkurier beobachten das sehr sorgsam und würden sofort auf der Matte stehen, wenn sich der Staat aus seiner Verantwortung stehlen würde nach dem Motto: Ach super, dafür gibt es Hilfsorganisationen wie das Leserhilfswerk. Dann brauchen wir ja nichts tun. Den Eindruck habe ich nicht! Es ist wie an vielen Stellen im Staat. Es braucht dieses Nebeneinander, das duale Prinzip aus staatlicher Förderung und Hilfsorganisationen. Unser gesamtes Sozialsystem würde nicht funktionieren ohne den ehrenamtlichen und wohltätigen Bereich.

Erinnern Sie sich an einen Fall, der Ihnen besonders nah gegangen ist?

Ich möchte keinen einzelnen Fall hervorheben. Jedes Mal, wenn ich selbst eine Spende übergeben habe, war das eine emotionale Mischung: Einerseits ist man schockiert, welche Schicksalsschläge Menschen hier erleiden. Auf der anderen Seite ist es einfach schön, deren Dankbarkeit und Zufriedenheit zu sehen.

Und dabei geht es ja nicht immer um große Summen, oder?

Richtig, die Leute reagieren dankbar, wenn sich jemand kümmert. Wir hatten beispielsweise folgenden Fall: Eine Frau – schwer krank, der Mann verstorben – quälte die Sorge, dass sie nach ihrem Tod nicht ordentlich bestattet wird. Für sie war das eine enorme psychische Belastung. Aber wir konnten helfen, und die Frau war überglücklich, als das geregelt war. Sie weinte vor Freude.

1992 startete das Leserhilfswerk als eine Weihnachtsaktion. Man hätte danach aufhören können. Wie erklären Sie die Erfolgsgeschichte?

Ich glaube, dass die Gedanken schon damals dieselben waren wie heute. Man hat das enorme Engagement der Menschen gesehen und gesagt, das kann man doch nicht verpuffen lassen. Mich begeistert es immer wieder, wenn Menschen zum Beispiel im Ehrenamt mit so einer Inbrunst und Überzeugung arbeiten. Davor habe ich großen Respekt.

Alle Spenden landen ohne Abzüge bei den Menschen. Wie finanziert sich das Leserhilfswerk?

Das Leserhilfswerk ist formal ein unabhängiger Verein. Es hat Vorund Nachteile, dass es den Namen Nordkurier trägt. Das führt oft zu dem Missverständnis, dass es Teil der Nordkurier Mediengruppe wäre. Aber dass ich als geschäftsführender Chefredakteur des Nordkurier zugleich Vorsitzender des Leserhilfswerkes bin, ist kein Naturgesetz. Die Verzahnung Nordkurier und Leserhilfswerk gibt dem Hilfswerk die nötige Ernsthaftigkeit und finanzielle Basis. Denn der Verein selbst hat keine Eigenmittel. Und da die Spenden zu 100 Prozent ausgereicht werden, muss jemand die Kosten tragen. Das ist selbst einigen Kommunen, die Mitglied sind, oft aber nicht klar.

Soll das heißen, ein Skatverein hat mehr in der Kasse?

Ja, der nimmt vermutlich ein paar Euro im Monat in Form von Mitgliedsbeiträgen ein. Wir haben keine Einnahmen. Bei zehn Mitgliedern ergibt das auch wenig Sinn. Aber es ist glücklicherweise so, dass das Leserhilfswerk alle Kosten auf die Nordkurier Mediengruppe abwälzen kann.

Veranstaltet die Nordkurier Mediengruppe deshalb das Benefizkonzert?

Ja, ohne diese erhebliche Unterstützung gäbe es kein Konzert. Es gäbe auch kein Leserhilfswerk. Das muss man so klar sagen. Ich schätze, dass auf jeden Spendeneuro ein Bearbeitungseuro kommt. Diese Kosten übernimmt die Nordkurier Mediengruppe. Damit die Hunderttausende, die an Spenden reinkommen, wirklich für die Menschen eingesetzt werden können.

Wie geht es mit dem Leserhilfswerk weiter? Welche Perspektiven hat es?

Der Bedarf an Hilfe ist ebenso hoch wie in der Bevölkerung der Wille, mehr zu helfen. Wenn wir die Leserhilfe ausweiten wollen, müssen wir uns breiter aufstellen. Dazu bräuchten wir Unternehmen an Bord, die an andere Mittel kommen. Ein Beispiel: Wir bekommen permanent Anfragen nach Sachspenden. Bislang können wir das nicht leisten, da Aufwand und Kosten immens wären. Das ginge aber mit starken Partnern.

Die Bereitschaft, Sachen zu spenden, könnte noch höher sein als Geld zur Verfügung zu stellen?

Das denke ich auch. Viele Menschen empfinden es als ein Dilemma, dass man ständig Sachen wegwirft, und auf der anderen Seite Menschen leben, die das Nötigste nicht zusammenkriegen. Beispiel: Ich kaufe mir einen Flachbildfernseher, dabei ist der alte noch gut. Und dann ist da eine Familie, die keinen Fernseher hat. Warum soll die nicht meinen Fernseher bekommen? Dahinter steckt jedoch ein Organisations- und Logistikaufwand, der mit vorhandenen Strukturen und Mitteln nicht zu bewältigen ist. Da reicht nicht nur der gute Wille. Wir bräuchten Lagerhallen, Lieferfahrzeuge, Disposition, Software. Handfeste Themen also, mit denen sich das Logistikunternehmen Nordkurier Mediengruppe übrigens gut auskennt. Dieser Aufwand würde einen Verein oder ein einzelnes Unternehmen überfordern – wir bräuchten also Mitstreiter in der Unternehmerschaft.